Worte gegen den Wind ... Die Seite mit kritischer Lyrik und Satire

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Siegfried Schüller

Unter der Bezeichnung "Postpersönlich" bietet die Deutsche Post seit Juli 2014 einen Betreuungsservice für alte Leute an. Der Postbote als Sozialarbeiter. Was dabei herauskommen kann, lesen Sie hier ...

Wenn der Briefträger dreimal klingelt

Franz Gerfried musste nicht suchen. Den richtigen Knopf auf dem Klingelschild hätte er auch im Schlaf gefunden. Post hatte er keine für Gottwald, trotzdem drückte er auf den Klingelknopf. Die alte Frau Gottwald war eine der Kunden, die den neuen Betreuungsservice der Post gebucht hatten. Eine Gegensprechanlage gab es nicht.

Ein, zwei Minuten dauerte es normalerweise, bis im dritten Stock ein Fenster aufging und Frau Gottwald herunterrief: "Alles in Ordnung, Herr Gerfried, schönen Tag noch!" 

Diesmal stand das Fenster bereits offen. Aber niemand ließ sich blicken. Gerfried drückte noch einmal auf den Knopf. Lieber etwas warten, bevor er hinaufginge, oben wieder klingelte, wartete, bis sie herangeschlurft kam, fragte, wer da sei, ihn durch den Türspion schließlich erkannte, endlich die Wohnungstür aufmachte, er sich dann erkundigen würde, wie es ihr gehe, und sie ihn wegen einer Kleinigkeit um Hilfe und hereinbat, um ihm drinnen statt einer kurzen Antwort auf seine Frage wieder ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen.

Dann doch lieber unten ein drittes Mal klingeln. Schließlich war die alte Dame etwas schwerhörig.

Wieder nichts. Gerfried drückte einen anderen Knopf auf dem Klingelschild und noch einen und wieder einen. Endlich summte der Türöffner. Hoch also bis in den dritten Stock - ohne Aufzug, über die Treppe, mit den schweren Posttaschen in beiden Armen, die er nicht unbeaufsichtigt unten stehen lassen durfte. "Ein Briefträger im wahrsten Sinne des Wortes", dachte er.

Die Tür bei Gottwald stand einen Spalt offen. "Ah, ah", stöhnte es von drinnen. "Frau Gottwald?", fragte er zaghaft durch den Spalt. Keine Antwort. Hinein also.

In ihrer Küche fand er sie. Mit rotem Kopf stand Frau Gottwald vor der Spüle und machte sich am Wasserhahn zu schaffen. "Ah, ah", stöhnte sie dabei wieder. Und der Hahn tropfte. Klack, klack.

"Er hört nicht auf zu tropfen", sagte sie.

"Das sehe ich ..., lassen Sie mal!", sagte Gerfried. Nein, er rief es eher und stellte seine gelben Packtaschen auf den Boden, halb unter den Küchentisch. "Lassen Sie's mich mal probieren!" Er schob die alte Frau sanft zur Seite. Er drehte an beiden Hähnen. Es tropfte weiter. Dann mit aller Kraft. Endlich hörte es auf.

"Wenn Sie den Wasserhahn immer so fest zudrehen, dann ist es kein Wunder, dass er tropft. Das hält auf Dauer keine Dichtung aus. Da werden Sie eine neue brauchen. Sie sollten mal den Klempner kommen lassen."

Frau Gottwald ließ sich auf die Sitzbank am Küchentisch sinken. "Ja, mein Gott, wer soll denn das bezahlen?", jammerte sie. "Meine Rente reicht ja gerade mal so. Und dann gehen davon noch jeden Monat 40 Euro an Sie, dafür, dass Sie einmal am Tag bei mir klingeln. ... Können Sie's nicht mal versuchen?"

Gerfried schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. "Haben Sie denn eine Ersatzdichtung im Haus", fragte er und hoffte auf ein Nein als Antwort.

"Ich weiß nicht", sagte Frau Gottwald. "Ich glaube nicht."

"Na, dann kann ich Ihnen im Moment leider auch nicht helfen", sagte Gerfried und bückte sich nach seinen Taschen.

"Aber warten sie mal!", sagte Frau Gottwald, ergriff seine rechte Hand und hielt sie fest. "Ich glaube, im Keller sind welche. - Ja, im Keller müssten welche sein. Da hat mein Mann so etwas immer aufbewahrt."

Gerfried wandte sich etwas ab und verdrehte die Augen.

"Wissen Sie, mein Mann, er ist ja vor acht Jahren gestorben, nachdem er ..."

"Ja, weiß ich", sagte Gerfried, "das haben Sie mir schon einmal erzählt."

"Handwerklich war er ja sehr versiert, mein Gerhard."

Den Namen kannte Gerfried auch bereits, und er stand noch auf dem Klingelschild.

"Für meinen Gerhard wäre das ein Kinderspiel gewesen", sagte Frau Gottwald. "Ach, und Sie heißen ja auch so ähnlich ..."

"Schon, aber mit Nachnamen", sagte Gerfried und seufzte. "Schauen Sie, Frau Gottwald!" - Er deutete mit der freien Hand auf seine Taschen". - "Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber Sie sehen ja selbst, da sind noch jede Menge Briefe drin, Einschreiben, Nachnahmen, Infopost ..."

"Was?"

"Na, Büchersendungen, Broschüren, Kataloge, Werbung ..."

"Ach so", sagte Frau Gottwald. "Früher hieß das anders."

"Kann schon sein. Aber auf jeden Fall muss das alles heute noch zu den Empfängern. Und dann hab ich ja auch noch ein paar so Klingel-Kandidaten."

"Was? - Ach so, Leute wie mich, meinen Sie." Sie drückte seine Hand noch etwas fester. "Könnten sie nicht trotzdem mal in den Keller ...?"

"Frau Gottwald, tut mir leid, aber dafür hab ich jetzt wirklich keine Zeit." 

"Ja, ich versteh schon", sagte sie mit Blick auf seine "Brieftaschen". -  "Aber morgen vielleicht? ... Wissen Sie, ich kann gar nicht mehr richtig schlafen. Jetzt wach ich sowieso immer wieder auf, nachts. Und dann noch dieser Wasserhahn, das ständige Klopf-klopf, wenn er ins Spülbecken tropft. Das macht mich ganz verrückt."

Gerfried sah, wie ihr das Wasser in die Augen trat. "Frau Gottwald, da müssen Sie wirklich einen Installateur kommen lassen, für so was bin ich nicht zuständig."

"Ein Installateur!", rief sie. "Was das wieder kostet. Und Sie bekommen 40 Euro im Monat von mir, nur fürs Klingeln."

"Na ja, dreimal klingeln - und notfalls hochgehen, nach dem Rechten sehen und Meldung machen, wenn keiner antwortet oder aufmacht."

Frau Gottwald ließ seine Hand los, und ihr Gesichtsausdruck wechselte von bekümmert zu grimmig. "40 Mark im Monat! Das sind im Jahr ..., warten Sie! ...

Mark und Euro verwechselte sie gern, das wusste Gerfried schon. "Von den 40 Euro sehe ich keinen Cent", sagte er. "Im Gegenteil! Ich hab bloß Scherereien damit. Dabei schaff ja meine eigentliche Arbeit kaum. Erst letztes Jahr haben die den Zustellbezirk vergrößert. Und dann noch die viele Extrapost für die Kunden von Awasofot und Zaldudan."

"480!", rief Frau Gottwald. - Rechnen konnte sie. - "Fast 500 im Jahr, nur fürs Klingeln."

Gerfried griff nach den Taschen. Frau Gottwald packte seinen anderen Arm, als wollte sie ihn festhalten, zog sich daran etwas hoch ..., ließ dann plötzlich los, fasste sich an die Brust und sackte zurück auf die Küchenbank.

"Auch das noch", dachte Gerfried. "Mein Gott, Frau Wald, äh, Frau Gottfried!", rief er. "Was ist mit Ihnen?" Er rüttelte die alte Frau an den Schultern, aber sie gab keinen Mucks von sich. - Gott sei Dank, die Notfallnummer hatte er auf seinem Privathandy gespeichert.

Nach dem Notruf überlegte er kurz. Dann fegte er mit einer Armbewegung das gehäkelte Tischdeckchen samt Trockenblumengesteck von der Tischplatte, zog Frau Gottwald von der Küchenbank hoch und bugsierte ihren erschlafften, reglosen Körper auf den Küchentisch. Eine Wiederbelebung auf dem Küchenboden kam nicht infrage, weil er es zu arg in den Knien hatte.

 

Zehn Minuten dauerte es, bis er mit seiner abwechselnden Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung aufhören konnte, weil der Notarzt und die Sanitäter kamen.

Weitere zwanzig Minuten vergingen, bis sie Frau Gottwald soweit wieder auf den Beinen beziehungsweise auf der Trage hatten, dass sie abtransportiert werden konnte.

Und dann saß er noch über eine halbe Stunde im Einsatzwagen und musste peinliche Fragen beantworten. Ein aufmerksamer Nachbar im Wohnblock gegenüber hatte durch Frau Gottwalds offenes Küchenfenster alles beobachtet, das Geschehen auf dem Küchentisch aber völlig falsch interpretiert und vorsichtshalber die Polizei gerufen.

 

"Dass man im sozialen Bereich nicht so toll verdient, hab ich ja schön gehört", sagte einer der beiden Polizisten, als das Protokoll fertig war. "Aber dass ihr jetzt schon gezwungen seid, nebenbei auch noch Post auszutragen, ist mir neu."

"Ha, ha, toller Witz!", sagte Gerfried.

Mit pünktlich Feierabend würde es heute mal wieder nichts werden, dachte er, als die Staatsgewalt abfuhr, und er wieder auf der Straße stand. Irgendwie fühlte er sich trotzdem erleichtert. - Bis ihm seine Packtaschen einfielen. Die standen mitsamt der ganzen Post noch oben unterm Küchentisch, unerreichbar hinter der mittlerweile wieder verschlossenen Tür von Frau Gottwalds Wohnung.

 

P.S.: Bald nachdem diese Geschichte erschienen ist, hat die Post diesen besonderen Dienst am älteren Kunden wieder eingestellt.

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